Eine typisch kanadische Familie?

Nach Lac La Hache konnten wir nur eine kleine Etappe schaffen, da ein schwerer Unfall den Highway für mehrere Stunden blockierte. So machten wir in Quesnel (sprich Quänell) Halt. Nach der nächsten Etappe, die uns bei Prince George auf den Highway 16 westwärts bis Burns Lake brachte, erreichten wir Smithers, wo wir eine bezaubernde kanadische Familie am Lagerfeuer kennenlernen durften.

Der Lagerfeuer-Brauch

Es scheint hier ein Brauch zu sein, dass man sich auf dem Campingplatz zum Lagerfeuer und auf ein Bier einlädt (das erlebten wir schon in Burns Lake) – ohne zu Grillen – nur so zum Unterhalten. Eine ganz besondere kanadische Familie hat uns dieses mal eingeladen. Sagte ich kanadische Familie? Das stimmt nicht ganz, denn zu mindestens 1/7 ist diese Familie durch und durch englisch. Russel, der Vater ist Engländer, sieben Jahre lebte die Familie in England. Russel hat in 13 Jahren Kanada seine für uns klare englische Aussprache behalten  und er wird nicht müde den Kanadiern zu erklären, dass nicht er sondern sie einen Akzent haben!

Gemütlichkeit

Russel hat seine kanadische Frau Gillian in Kitzbühl am Skilift kennen gelernt. Wir haben zwar die Ein-Minuten Version gehört, warum Kanadier in Kitzbühl Skifahren, aber selbst das zu wiederholen, würde hier den Rahmen sprengen. Eines aber darf gesagt werden, die Kanadier finden das Skifahren in den Alpen sehr „gemütlich“ und Gillian benutzt tatsächlich dieses Wort. Die Gemütlichkeit, die Hütten in den Alpen ausstrahlen, gibt es in Kanada offenbar nicht – wir haben das selbst noch nicht getestet.
Russel und Gillian zelten mit ihren fünf (!) Kindern. Über dem Picknicktisch haben sie eine riesige Plane gespannt und sich eine komplette Küche eingerichtet. Um das Lagerfeuer herum stehen Stühle für uns alle. Es gibt Kaffee, Tee, Wasser, Bier, Cider.
Jessica, die älteste Tochter ist mit ihren 19 Jahren schon durch Europa und Afrika gereist und erzählt spannende Geschichten  von Hyänen im afrikanischen Urwald. Wir glauben ja immer die Nordamerikaner schauen nicht über den Tellerrand, das gilt aber wohl weniger für die Kanadier als für die US-Amerikaner. Jessicas zwei Jahre jüngerer Bruder Alex schüttet sich aus einem riesigen Kanister, warmes Wasser in eine Schüssel und nimmt ein Fußbad am Lagerfeuer.
Der 11-jährige Griffin vergräbt sich in seinen Schlafsack, er scheint vom Angeln müde zu sein. Am Nachmittag gab er Frank, einige Tipps wie er seine neu gekaufte Angel einsetzten kann. Frank hat nämlich null Angel-Erfahrung. Griffin um so mehr, er ist trotz seiner Jugend ein richtiger Fachmann auf diesem Gebiet. Emilia, eine bezaubernde Jugendliche mit langem rotgelocktem Haar, verzieht sich irgendwann ins Zelt. Rosi, die jüngste ist noch etwas scheu, doch mit ihrem Lächeln erfreut sie ihre Umgebung.

Wir unterhalten uns prächtig über alles mögliche: Sprache, Auswandern, das Leben, während immer wieder jemand Holz nachlegt, damit das Feuer nicht ausgeht. Russel und Gillian haben bei ihren Besuchen in Kitzbühl etwas deutsch gelernt und erstaunen uns mit Aussprüchen im Tiroler Dialekt, wie zum Beispiel: „Ja genauuu!“ Oder „A rechtr Bock griegt a guede Goas“. Gillian sprüht vor Energie, zwischen durch trällert sie ein Lied und wir können uns sie gut auf einer Bühne vorstellen. Mit einer Gesangsshow, war sie überall auf der Welt auf Tournee.

Alle in einem Boot

Am nächsten Morgen sehen wir, wie die ganze Ausrüstung und alle sieben Personen in ein Auto verpackt werden, das Dach ist vollgepackt und hinten ist noch ein großer Kofferaufsatz auf der Anhängerkupplung. Wir tauschen Visitenkarten aus und verabschieden uns mit Küsschen und heftigem Winken. Sie fahren wieder zurück nach Vancouver, uns zieht es weiter nach Norden. Wir sind begeistert von dieser harmonischen – vielleicht nicht ganz typischen – kanadischen Familie, die am Lagerfeuer Geschichten erzählt.

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